Offenbarung 21,7 (Teil 2)

Der Vater nimmt seinen heimgekehrten Sohn in die Arme (Rembrandt, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes) – Offenbarung 21,7

Offenbarung 21,7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein. Im ersten Teil dieses Verses (siehe Offenbarung 21,7 (Teil 1)) haben wir gesehen: Überwinden heißt, Sieger zu sein im großen Kampf, durch Jesus, der selbst der Sieger ist. Und wer überwindet, erbt alles: ewiges Leben, Ehre, das Reich, den Segen, ein unvergängliches Erbe im Himmel. Doch Gott verspricht dem Überwinder noch mehr als Kronen, weiße Kleider und Häuser auf der neuen Erde. Er verspricht ihm eine Beziehung: „ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein“. Die Frage, die wir uns hier stellen müssen: Kennen wir Gott wirklich als unseren Vater?

Denselben Gedanken haben wir schon in Vers 3 gelesen: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein“ (Offenbarung 21,3). Was ist der Unterschied zu Vers 7? In Vers 3 wird über Gott gesprochen, in Vers 7 spricht Gott selbst. Und in Vers 3 geht es um ein Volk, um die Erlösten als Gemeinschaft. In Vers 7 dagegen heißt es: „Wer überwindet“, also jeder Einzelne. Gott hat nicht nur ein Volk, er hat Söhne und Töchter, jeden mit Namen. Jeder, der überwindet, darf sagen: Das ist mein Gott, und ich bin sein Kind. Ellen G. White hat das so ausgedrückt: „Jeder wahrhaft bekehrte Mensch kann sagen: ‚Ich bin nur ein kleines Kind; aber ich bin Gottes Kind.‘ Zu einem unendlichen Preis wurde Vorsorge getroffen, damit die Menschheit wieder in die Sohnschaft bei Gott eingesetzt werden kann.“ Ms 111, 1907 (Ellen G. White, „I Am But a Little Child“, abgedruckt in Testimonies for the Church, Bd. 9, S. 281–284).

Diese Idee, dass Gott unser Vater sein will, kommt nicht erst auf den letzten Seiten der Bibel. Jesus hat uns beten gelehrt: „Unser Vater in dem Himmel!“ (Matthäus 6,9). Und schon das Alte Testament ist voll davon. Ein eindrückliches Beispiel finden wir in 5. Mose 1. Israel steht in Kadesch-Barnea an der Grenze zum gelobten Land. Die Kundschafter kommen zurück, und das Volk will nicht hineinziehen: „Aber ihr wolltet nicht hinaufziehen und wurdet ungehorsam dem Munde des HERRN, eures Gottes, und murrtet in euren Hütten und spracht: Der HERR ist uns gram; darum hat er uns aus Ägyptenland geführt, daß er uns in der Amoriter Hände gebe, uns zu vertilgen“ (5. Mose 1,26–27). Was war das eigentliche Problem? Angst allein war es nicht. Auch die nächste Generation hat vor den Riesen gezittert, aber sie ist trotzdem vorwärtsgegangen. Der schlechte Bericht der Kundschafter war nur der Anlass. Das Grundproblem lag im Herzen: Sie glaubten, Gott hasse sie. In der Krise waren sie sich nicht mehr sicher, ob Gott es überhaupt gut mit ihnen meint.

Darum antwortet Mose auch nicht mit einer neuen Bewertung der Kundschafter. Er erinnert sie an Gottes Liebe: „Der HERR, euer Gott, zieht vor euch hin und wird für euch streiten, wie er mit euch getan hat in Ägypten vor euren Augen und in der Wüste, da du gesehen hast, wie dich der HERR, dein Gott, getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, durch allen Weg, daher ihr gewandelt seid, bis ihr an diesen Ort kamt“ (5. Mose 1,30–31). Wann trägt ein Vater seinen Sohn? Wenn das Kind müde ist und nicht mehr kann. Und wie lange hat Gott Israel getragen? Den ganzen Weg. Die ganze Wüstenwanderung über war Gott ihr Vater, der sie auf dem Arm trug. Und doch hatten sie bis dahin nicht gelernt, ihm zu vertrauen. Darum konnten sie nicht hinein. Denn das Mindeste ist, dass wir Gott vertrauen: „Aber ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß er sei und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde“ (Hebräer 11,6).

Wo hat dieses Missverständnis angefangen? Am Sinai. Dort offenbarte sich Gott: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause, geführt habe“ (2. Mose 20,2), und er gab ihnen sein Gesetz, eine Beschreibung seines Wesens, denn „die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung“ (Römer 13,10). Doch das Volk sagte zu Mose: „Rede du mit uns, wir wollen gehorchen; und laß Gott nicht mit uns reden, wir möchten sonst sterben“ (2. Mose 20,19). Sie wollten Regeln, aber Gott sollte auf Abstand bleiben. Wenn sie nur die Regeln hätten und sie einhielten, dann wären sie gut vorbereitet, so dachten sie. Aber Regeln ohne Beziehung haben nicht gereicht. Was lernen wir daraus für uns? Die Überwinder sind nicht einfach die, die sagen: „Sag mir genau, was ich essen, trinken und anziehen soll, und ich tue es.“ Das ist nicht unwichtig, aber es wird für die Endzeit nicht reichen. Es werden Situationen kommen, in denen wir wie Petrus aus dem Boot steigen müssen, ohne den Weg zu sehen. Dann müssen wir aus Erfahrung wissen, dass Gott uns wirklich liebt. Die ganze Vorbereitung auf die Endzeit besteht aus Gottes Sicht darin, seinen Kindern zu zeigen: Ich bin euer Vater, und ich trage euch hindurch.

Diese Verheißung gilt den Erlösten aus aller Welt: „Siehe, ich will mein Volk erlösen vom Lande gegen Aufgang und vom Lande gegen Niedergang der Sonne; und will sie herzubringen, daß sie zu Jerusalem wohnen; und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein in Wahrheit und Gerechtigkeit“ (Sacharja 8,7–8). Aus Osten und Westen, aus allen Völkern, Stämmen und Sprachen kommen sie ins neue Jerusalem. Manchem fällt es schwer, Gott als Vater zu sehen, weil er selbst einen schwierigen Vater hatte. Dann braucht es Zeit und das Wirken des Heiligen Geistes. Aber auch dann wissen wir eigentlich, wie ein Vater sein sollte. Gute Eltern würden für ihre Kinder fast alles geben. Und Gott sagt: Das, was gute Eltern für ihre Kinder sind, bin ich für euch, nur unendlich größer.

Wie sieht das ganz praktisch aus? Paulus schreibt: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!“ (Römer 8,14–15). Die Beziehung zu Gott entsteht durch den Heiligen Geist. Ohne ihn gibt es keine echte Gotteskindschaft, und ein Kind Gottes lässt sich von ihm führen. „Abba“ ist das aramäische Wort für Papa. Wie zeigt sich dagegen ein knechtischer Geist? In der Erwartung: Ich tue etwas für Gott, also muss doch auch etwas für mich herausspringen. Und in der Angst: Wenn ich einen Fehler mache, ist Gott sofort gegen mich, eigentlich will er mich ja gar nicht dabeihaben. Das würden wir nie laut sagen, und doch kämpfen viele Gläubige damit, dass sie in ihrer Beziehung zu Gott nicht wirklich frei sind. Natürlich sollen wir Gott fürchten, im Sinn von 2. Mose 20,20, „daß ihr nicht sündigt“. Aber wir sind nicht seine Knechte. Jesus sagt: „Ich sage hinfort nicht, daß ihr Knechte seid … Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid“ (Johannes 15,15). Auch Martin Luther hat lange darum gerungen, ob er bei Gott angenommen ist. Das ist der Geist der Knechtschaft. Der Heilige Geist schenkt uns den Geist der Kindschaft.

Haben unsere Eltern uns jedes Mal die Elternschaft aufgekündigt, wenn wir etwas getan haben, das ihnen nicht gefiel? Da muss schon sehr viel geschehen. Es kann zwar sein, dass ein Kind sich so weit entfernt, dass ihm die Liebe der Eltern nichts mehr nützt. Aber so, wie Gott es gedacht hat, bleiben Eltern immer an ihren Kindern interessiert, und oft investieren sie gerade in das Kind am meisten, das am weitesten wegläuft. So ist auch Gott. Und weiter heißt es: „Derselbe Geist gibt Zeugnis unserem Geist, daß wir Kinder Gottes sind. Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf daß wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden“ (Römer 8,16–17). Hier sehen wir Offenbarung 21,7 schon im Evangelium: Kinder sind Erben. Was auf der neuen Erde vollendet wird, ist uns heute schon verheißen.

Woher können wir wissen, dass wir wirklich Gottes Kinder sind und es uns nicht nur einbilden? Wir müssen uns nicht selbst überzeugen. Wer sich selbst einreden will, Christ zu sein, wird nie ganz sicher sein. Der Geist selbst bezeugt es unserem Geist. Als Luther das Evangelium verstand und Gott glaubte, was er für ihn getan hat, durchflutete der Heilige Geist sein Herz, und er wusste: Ich bin ein Kind Gottes. Doch der Geist Gottes spricht zu unserem Geist. Darum muss unser Geist wach sein. Wenn wir unser Denken mit Alkohol oder mit leerer Unterhaltung betäuben, kann der Heilige Geist uns nicht Zeugnis geben, uns nicht verändern und nichts in unser Herz schreiben. Und das Mitleiden? Wir müssen nicht leiden, um uns die Erlösung zu verdienen. Aber wer Jesus nachgeht, stellt sich gegen Satan und die Sünde, und das bringt Widerstand. Jesus hat das Leid nicht gesucht; es kam, weil er gerecht und liebevoll war und die Wahrheit sagte. Entscheidend ist, dass wir Kinder Gottes bleiben, auch wenn es unserem Ruf oder unserer Gesundheit schadet, weil wir in jeder Lage glauben, dass Gott es gut mit uns meint.

Was der Geist in uns tut, beschreibt der neue Bund: „Ich will geben mein Gesetz in ihren Sinn, und in ihr Herz will ich es schreiben, und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein“ (Hebräer 8,10). Wo der Geist ist, da ist auch das Gesetz, nicht auf Steintafeln, sondern im Herzen. Das Herz dieser Beziehung ist die Liebe, und Jesus sagt: „Liebet ihr mich, so haltet ihr meine Gebote“ (Johannes 14,15). Es gibt einen Gehorsam aus dem Geist der Knechtschaft: Das muss ich alles halten. So hat Israel am Sinai gesprochen und in Kadesch-Barnea gesagt: Gott hasst uns. Gott wünscht sich einen Gehorsam von Herzen, aus Liebe zu ihm. So haben die drei Freunde Daniels gesprochen: „Siehe, unser Gott, den wir ehren, kann uns wohl erretten aus dem glühenden Ofen … Und wo er’s nicht tun will, so sollst du dennoch wissen, daß wir deine Götter nicht ehren noch das goldene Bild … anbeten wollen“ (Daniel 3,17–18). Ob wir gerettet werden oder nicht: So kann nur reden, wer weiß, dass Gott gut ist, und wer ihn unter keinen Umständen traurig machen will.

Es gibt aber auch eine gefährliche Täuschung. In Johannes 8 sagten die Pharisäer: „Abraham ist unser Vater.“ Jesus antwortete: „Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang … denn er ist ein Lügner und ein Vater derselben“ (Johannes 8,39.44). Äußerlich standen sie zu allen zehn Geboten, „du sollst nicht töten“ eingeschlossen. Und doch hassten sie Jesus und waren unfreundlich, eigensinnig und selbstsüchtig. Sie kannten die Gebote, aber sie hatten sie nicht im Herzen. Jede Lieblosigkeit, jedes böse Wort und jeder schlechte Gedanke über andere ist ein Bruch des Gesetzes. Und ebenso gefährlich ist es, sich so in die Vorstellung von Gottes Liebe zu verlieben, dass man meint, man könne sich alles erlauben. Gottes Liebe ändert sich nie und hört nie auf. Aber wer sich immer wieder gegen sie verhärtet, kann irgendwann nicht mehr bereuen. Das liegt nicht an Gott, sondern am Menschen.

Darum ist die Frage an uns heute: Leben wir mit Gott wie Knechte, die Angst haben, etwas falsch zu machen, oder wie Kinder, die wissen, dass ihr Vater sie liebt und trägt? Gott will uns nicht nur alles schenken, er will sich selbst schenken: „ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“ Wollen wir uns heute vom Heiligen Geist zeigen lassen, dass wir wirklich Gottes Kinder sind?

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