Offenbarung 21,8 (Teil 1)

Jesus und die Jünger im Sturm auf dem See Genezareth (Rembrandt) – Offenbarung 21,8

Offenbarung 21,8 Der Verzagten aber und Ungläubigen und Greulichen und Totschläger und Hurer und Zauberer und Abgöttischen und aller Lügner, deren Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der andere Tod. In den Versen 6 und 7 hat Gott, der Vater, selbst gesprochen. Er ist das A und das O, der Anfang und das Ende; vom Anfang bis zum Ende der Erlösung sind wir ganz von seiner Gnade abhängig, und er gibt sie umsonst. Wer sich auf seine Seite stellt und überwindet, wird alles erben und Gottes Kind sein. Vers 8 ist die Kehrseite dieser Verheißung. Hier wird beschrieben, wer am Ende nicht dabei sein wird. Eine solche Liste ist nicht angenehm zu lesen, aber sie ist wichtig. Und auffällig ist, wer ganz am Anfang steht: die Verzagten, also die Feiglinge. Die Frage, die wir uns hier stellen müssen: Warum steht ausgerechnet die Feigheit an erster Stelle?

Zuerst lohnt sich ein Blick auf die Einordnung. Den Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt, und den „anderen Tod“ kennen wir aus Offenbarung 20: „Und der Tod und die Hölle wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. das ist der andere Tod. Und so jemand nicht ward gefunden geschrieben in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl.“ (Offenbarung 20,14–15). Es ist dasselbe Feuer wie in Offenbarung 20,9 und 20,14–15. Ab Offenbarung 21,2 springt der Blick noch einmal zurück in die Zeit, in der die heilige Stadt vom Himmel herabkommt, noch vor dem Feuer. Offenbarung 20 zeigt, was mit den Verlorenen und mit den Geretteten geschieht. Die Verse 2 bis 8 in Kapitel 21 beantworten nun die Frage: Was entscheidet darüber, zu welcher Gruppe ich gehöre? Die Gläubigen sind die, die das Wasser des Lebens angenommen und mit Gott überwunden haben. Und wer zu den anderen gehört, wird in Vers 8 an einigen Beispielen beschrieben.

Warum ist Angst im großen Kampf so gefährlich? Schon im Gesetz für Israels Kriege heißt es: „Und die Amtleute sollen weiter mit dem Volk reden und sprechen: Welcher sich fürchtet und ein verzagtes Herz hat, der gehe hin und bleibe daheim, auf daß er nicht auch seiner Brüder Herz feige mache, wie sein Herz ist.“ (5. Mose 20,8). Angst steckt an. Zehn Kundschafter hatten Angst vor den Riesen, und am Ende fürchtete sich das ganze Volk und musste vierzig Jahre in der Wüste bleiben. Bei Gideon wurde dieses Gebot tatsächlich angewandt: „So laß nun ausrufen vor den Ohren des Volks und sagen: Wer blöde und verzagt ist, der kehre um und hebe sich alsbald vom Gebirge Gilead. Da kehrten des Volks um bei zweiundzwanzigtausend, daß nur zehntausend übrigblieben.“ (Richter 7,3). Mehr als zwei Drittel des Heeres hatten Angst, und die Gefahr war zu groß, dass sie alle anderen mit hineinziehen.

Nun ist aber nicht jede Angst Sünde. Wenn uns in der Steppe zwei Löwen entgegenkommen, ist Furcht etwas ganz Natürliches, das Gott in uns hineingelegt hat. Um welche Angst geht es also? Jesaja zeigt es: „Ich, ich bin euer Tröster. Wer bist du denn, daß du dich vor Menschen fürchtest, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen, und vergissest des HERRN, der dich gemacht hat, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet? Du aber fürchtest dich den ganzen Tag vor dem Grimm des Wüterichs, wenn er sich vornimmt zu verderben. Wo bleibt nun der Grimm des Wüterichs?“ (Jesaja 51,12–13). Es ist die Menschenfurcht, und sie geht damit einher, dass man Gott vergisst. Gott sagt hier nicht, dass nur die Unerschrockenen in den Himmel kommen und alle ängstlichen Gemüter draußen bleiben. Ebenso deutlich heißt es: „Vor wem bist du so in Sorge und fürchtest dich also, daß du mit Lügen umgehst und denkst an mich nicht und nimmst es nicht zu Herzen? Meinst du, ich werde allewege schweigen, daß du mich so gar nicht fürchtest?“ (Jesaja 57,11). Wer Menschen fürchtet, denkt nicht mehr an Gott. So ging es Petrus, als er aus Angst vor Menschen Jesus verleugnete.

Jesus stellt uns vor eine klare Wahl: „Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“ (Matthäus 10,28). Entweder fürchten wir Menschen, oder wir fürchten Gott. Lukas macht den Gedanken noch deutlicher: „Ich sage euch aber, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen die den Leib töten, und darnach nichts mehr tun können. Ich will euch aber zeigen, vor welchem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, zu werfen in die Hölle. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch.“ (Lukas 12,4–5). Es geht um eine Abfolge. Menschen können den Leib töten, den ersten Tod bringen, und dann nichts mehr tun. Gott aber hat die Macht, auch nach dem ersten Tod noch den zweiten Tod zu geben, von dem Offenbarung 21,8 spricht. Darum lädt Jesus uns ein, darüber nachzudenken: Wer ist die wichtigste Person in meinem Leben, Gott oder irgendein Mensch?

Doch die größere Strafe allein wäre noch kein guter Grund, Gott zu fürchten. Jesus nennt einen viel schöneren Grund: „Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Dennoch ist vor Gott deren nicht eines vergessen. Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser denn viele Sperlinge. Ich aber sage euch: Wer mich bekennet vor den Menschen, den wird auch des Menschen Sohn bekennen vor den Engeln Gottes. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes.“ (Lukas 12,6–9). Gott vergisst keinen einzigen Sperling, und er kennt sogar jedes Haar auf unserem Kopf. Wir sind ihm so viel wert, dass wir uns nicht fürchten müssen; nichts kann uns geschehen, was er nicht zum Besten führen kann. Und das eigentliche Thema ist das Bekenntnis: sich nicht zu fürchten, für Jesus einzustehen. Wenn wir uns vor Menschen fürchten, haben wir wohl noch nicht begriffen, dass Gott alles weiß und sich immer um uns kümmert. Genau daran scheiterte Israel in Kadesch-Barnea: „Der HERR ist uns gram; darum hat er uns aus Ägyptenland geführt, daß er uns in der Amoriter Hände gebe, uns zu vertilgen“ (5. Mose 1,27). Sie glaubten nicht, dass Gott das Beste für sie will, und darum hatten sie Angst. Die Angst vor Menschen ist nur ein Symptom; was in Wirklichkeit fehlt, ist das Verständnis für die Liebe Gottes.

Dass dieser Kampf ganz real ist, sehen wir zur Zeit Jesu: „Doch auch der Obersten glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie's nicht, daß sie nicht in den Bann getan würden. Denn sie hatten lieber die Ehre bei den Menschen als die Ehre bei Gott.“ (Johannes 12,42–43). Sie glaubten an Jesus, aber sie schämten sich, es zu bekennen. Paulus dagegen sagt: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen.“ (Römer 1,16). Und von den Überwindern heißt es: „Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis an den Tod.“ (Offenbarung 12,11). Man kann also durchaus überzeugt sein, dass die Wahrheit die Wahrheit ist, und Gott trotzdem nicht genug vertrauen, dass er für uns sorgt. Gibt es nicht auch heute Menschen, die erkannt haben, dass der Sabbat der richtige Tag ist oder dass sie sich auf die Wiederkunft Jesu vorbereiten sollten, und es doch noch nicht öffentlich bekennen? Aus Rücksicht auf Verwandte, Ehepartner, Kollegen, den Arbeitsplatz oder die Karriere. Gott hat viele Kinder, die schon an ihn glauben, und er ruft ihnen zu: „Und ich hörte eine andere Stimme vom Himmel, die sprach: Gehet aus von ihr, mein Volk, daß ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden, auf daß ihr nicht empfanget etwas von ihren Plagen!“ (Offenbarung 18,4). Wenn wir Menschen aus Babylon herausrufen, helfen wir ihnen, Wahrheiten, die sie schon verstanden haben, auch öffentlich zu bekennen, mit allen Konsequenzen. Die dramatischen Ereignisse der Endzeit werden sichtbar machen, wer Menschenfurcht hat und wer Gottesfurcht: wer die Wahrheit nur mit dem Verstand kennt und wer Gott so sehr vertraut, dass er auch bei Gefahr für Leib und Leben zu Jesus steht.

Was sollen wir also tun, statt uns zu fürchten? Petrus schreibt: „Und ob ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch aber vor ihrem Trotzen nicht und erschrecket nicht; heiligt aber Gott den HERRN in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist …“ (1. Petrus 3,14–15). Bemerkenswert ist: Petrus sagt nicht, dass wir beten sollen, damit die Verfolgung aufhört. Kampf und Schwierigkeiten wird es geben bis zur Wiederkunft. Aber wir sollen Gott in unseren Herzen heiligen. Heiligen heißt absondern, besonders machen, und das Herz steht für unser Denken. Gott soll also nicht nur ab und zu in unseren Gedanken vorkommen, sondern den ersten, den besonderen Platz in unserem Denken haben. Stellen wir uns einmal vor, wir könnten alle Gedanken eines ganzen Tages sehen: Wie viele davon wären Gott zugewandt gewesen?

Es gibt in der Bibel auch eine Szene, in der die Jünger nicht wegen Verfolgern Angst haben. Mitten im Sturm auf dem See sagt Jesus zu ihnen: „Da sagte er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer; da ward es ganz stille.“ (Matthäus 8,26). Im Griechischen steht hier dasselbe Wort wie in Offenbarung 21,8 für die Verzagten. Die Jünger hatten Angst um ihr Leben, und das Boot war tatsächlich am Sinken. Warum nennt Jesus sie trotzdem furchtsam und kleingläubig? Sie hatten seine Gegenwart aus den Augen verloren, obwohl er mit im Boot war. Sie hatten ihre Erfahrungen mit ihm vergessen. Und sie hatten seine Verheißung vergessen: Jesus hatte gesagt, dass sie ans andere Ufer fahren. Genau das ist die Feigheit von Offenbarung 21,8: Menschen, die an Gott glauben, vergessen seine Verheißungen und seine Gegenwart und werden dann zur leichten Beute der Menschenfurcht. In der Krise zeigt sich, dass ihr Glaube in Wirklichkeit zu klein war.

Den tiefsten Grund zeigt der Hebräerbrief: „Denn 'noch über eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und nicht verziehen. Der Gerechte aber wird des Glaubens leben, Wer aber weichen wird, an dem wird meine Seele keinen Gefallen haben.' Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten.“ (Hebräer 10,37–39). Die Feigheit ist das Gegenteil des Glaubens. Es geht nicht um Höhenangst oder um ein ängstliches Naturell, sondern um ein Zurückweichen, weil die Probleme auf einmal größer erscheinen als Gott und die Konsequenzen dramatischer als seine Gnade. Und wer zurückweicht, geht dem Verderben entgegen. Darum stehen die Verzagten an erster Stelle: Ihnen fehlt genau das, was allein ewiges Leben geben kann. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16).

Die Frage an uns lautet deshalb: Kennen wir Jesus im Alltag persönlich gut? Die theoretische Wahrheit allein reicht nicht. Die Israeliten wussten vor Kadesch-Barnea genau, wann Sabbat ist, sie kannten das Heiligtum, die Schöpfungsgeschichte und die Zehn Gebote. Aber sie glaubten nicht, dass Gott so gut ist, dass er sie auch vor den Riesen bewahren kann, und darum wichen sie zurück, vierzig Jahre lang. Die Vorbereitung auf die Endzeit besteht nicht darin, alle Daten und Fakten zu kennen, sondern in einem solchen Vertrauen zu Gott, dass wir nicht zurückweichen, wenn das Bekenntnis zu Jesus plötzlich schwere Konsequenzen hat. Dazu sollen wir uns im Alltag bewusst machen, wie sehr Gott uns liebt: Unsere Haare sind gezählt, kein Sperling ist vergessen. Auch die zweite Generation Israels hat gezittert, als die Riesen kamen, aber sie ist vorwärtsgegangen. Man kann auch mit zitternden Knien mutig sein, wenn man Jesus vertraut und ihm folgt. Ellen G. White schreibt: „Jeder, der dem Weg der Pflicht folgen will, wird zuweilen von Zweifel und Unglauben angefochten werden. Der Weg wird manchmal von scheinbar unüberwindlichen Hindernissen so versperrt sein, dass alle mutlos werden, die der Entmutigung nachgeben; aber Gott sagt zu ihnen: Geht vorwärts! Tut eure Pflicht, koste es euch, was es wolle. Das Meer der Not, das euch zu verschlingen droht, wird sich öffnen, wenn ihr vorangeht, und einen sicheren Pfad für eure Füße freigeben. Die Prüfungen und Schwierigkeiten, die so furchterregend erscheinen und eure Seele mit Angst erfüllen, werden verschwinden, wenn ihr mutig auf dem Weg des Gehorsams vorwärtsgeht und demütig auf Gott vertraut.“ ST 11.11.1880, Abs. 15 (Ellen G. White, The Signs of the Times, 11. November 1880).

Wollen wir heute sagen: Mit Gottes Hilfe möchte ich nicht zurückweichen, sondern im Glauben vorangehen? Auch wenn der Sturm tobt, ist Jesus mit im Boot, und seine Verheißung gilt, dass wir das andere Ufer erreichen.

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