Offenbarung 21,10

Offenbarung 21,10 Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem, herniederfahren aus dem Himmel von Gott … Mit Vers 9 hat die letzte große Vision der Offenbarung begonnen. Einer der Engel mit den sieben Plagenschalen ist zu Johannes gekommen und hat gesagt: „Komm, ich will dir das Weib zeigen, die Braut des Lammes.“ Jetzt sehen wir, wie es weitergeht: Der Engel führt Johannes im Geist auf einen großen und hohen Berg, und von dort aus sieht er die heilige Stadt. Er wird also nicht gleich in die Stadt hineingebracht, sondern auf einen Berg, von dem aus er sie sieht. Die Frage, die wir uns hier stellen müssen: Warum gerade ein hoher Berg? Ist das nur eine Ortsangabe, oder will Gott uns damit etwas sagen?
Erinnern wir uns zuerst an die auffällige Parallele, die wir schon bei Vers 9 gesehen haben: „Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten, redete mit mir und sprach zu mir: Komm, ich will dir zeigen das Urteil der großen Hure, die da an vielen Wassern sitzt …“ (Offenbarung 17,1). Beide Male kommt ein Plagenengel, beide Male sagt er „Komm, ich will dir zeigen“, und beide Male zeigt er Johannes eine Frau: einmal die Hure, die große Stadt Babylon, und einmal die Braut, die große Stadt Jerusalem. Offenbarung 21 ist das bewusste Gegenstück zu Offenbarung 17. Dass Johannes „im Geist“ an einen Ort gebracht wird, kennen wir schon aus Kapitel 4: „Darnach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel; und die erste Stimme, die ich gehört hatte mit mir reden wie eine Posaune, die sprach: Steig her, ich will dir zeigen, was nach diesem geschehen soll. Und alsobald war ich im Geist. Und siehe, ein Stuhl war gesetzt im Himmel, und auf dem Stuhl saß einer …“ (Offenbarung 4,1–2). Dort führt ihn der Geist in den Himmel, zum Thron im Heiligtum Gottes.
Und in Offenbarung 17 heißt es: „Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbenen Tier, das war voll Namen der Lästerung und hatte sieben Häupter und zehn Hörner.“ (Offenbarung 17,3). Einmal wird Johannes in die Wüste gebracht und sieht die Hure, das andere Mal auf einen hohen Berg und sieht die Braut. Ist das Zufall? Die Wüste kennen wir aus Offenbarung 12: „Und das Weib entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hat, bereitet von Gott, daß sie daselbst ernährt würde tausend zweihundertundsechzig Tage.“ (Offenbarung 12,6). Dort ist die Wüste die Zeit, in der die wahre Gemeinde verfolgt wurde, die 1260 Jahre von 538 bis 1798. Darum ist die Hure auch trunken vom Blut der Heiligen. Die Wüste hilft uns also, die Frau zeitlich einzuordnen. Wenn aber der Ort bei der Hure eine Bedeutung hat, dann hat er sie auch bei der Braut. Was fällt uns zu einem großen und hohen Berg in der Bibel ein?
Berge spielen in der Bibel eine große Rolle. Am Berg Sinai offenbarte Gott seine Herrlichkeit und gab die Zehn Gebote. Und in Daniel 2 lesen wir von einem Stein, der das große Standbild trifft: „Solches sahst du, bis daß ein Stein herabgerissen ward ohne Hände; der schlug das Bild an seine Füße, die Eisen und Ton waren, und zermalmte sie. Da wurden miteinander zermalmt das Eisen, Ton, Erz, Silber und Gold und wurden wie eine Spreu auf der Sommertenne, und der Wind verwehte sie, daß man sie nirgends mehr finden konnte. Der Stein aber, der das Bild zerschlug, ward ein großer Berg, daß er die ganze Welt füllte.“ (Daniel 2,34–35). Was dieser Berg bedeutet, erklärt Daniel selbst: „Aber zur Zeit solcher Königreiche wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Königreich wird auf kein ander Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und verstören; aber es selbst wird ewiglich bleiben …“ (Daniel 2,44). Der große Berg, der die ganze Welt füllt, ist das ewige Reich Gottes. Damit zeigt uns schon der Ort, wo wir jetzt stehen: Die Wüste stand für die Zeit der Verfolgung, der Berg steht für die Zeit des ewigen Reiches, das nun gekommen ist.
Auch Jesaja spricht von einem hohen Berg: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher denn alle Berge, und über alle Hügel erhaben werden, und werden alle Heiden dazu laufen“ (Jesaja 2,2). Der Berg mit dem Haus des HERRN ist der Berg Zion. Gemeint ist aber nicht, dass am Ende alle Menschen in das irdische Jerusalem reisen müssen; der Berg Zion ist ein Bild für Gottes Gemeinde, zu der die Völker kommen. Wie schön passt dazu, was später über die heilige Stadt gesagt wird: „Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen.“ (Offenbarung 21,24).
Noch deutlicher wird es in Jesaja 40: „Zion, du Predigerin, steig auf deinen hohen Berg; Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf mit Macht, hebe auf und fürchte dich nicht; sage den Städten Juda's: Siehe, da ist euer Gott!“ (Jesaja 40,9). Hier hilft uns ein Blick auf die hebräische Dichtung. Hebräische Gedichte reimen nicht den Klang der Wörter, sondern die Gedanken: Ein Gedanke wird gesagt und dann mit anderen Worten wiederholt. „Zion, du Predigerin“ und „Jerusalem, du Predigerin“ entsprechen einander, und genauso entsprechen sich „steig auf deinen hohen Berg“ und „hebe deine Stimme auf mit Macht“. Auf einen hohen Berg zu steigen bedeutet also, die Stimme mit Macht zu erheben, eine frohe Botschaft laut zu verkünden. Darum wird die Gemeinde gesehen, wenn sie das Evangelium klar und deutlich ruft, im lauten Ruf. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!“ (Jesaja 52,7).
Johannes wird in die Wüste geführt, um über den Abfall, die Verfolgung und das Gericht über Babylon zu berichten. Aber er wird auf den hohen Berg geführt, um das Reich Gottes zu sehen, und das ist die gute Nachricht schlechthin. Jesus selbst hat das Evangelium so gepredigt: „und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15). Das Evangelium, das wir glauben und weitergeben, zielt auf diese Zeit, auf das Reich, das Johannes vom Berg aus sieht. Ist das Evangelium für uns auch eine Botschaft, die wir mit Freude laut weitersagen?
Im Buch Hesekiel begegnet uns der hohe Berg ebenfalls. Zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft verheißt Gott: „So spricht der HERR HERR: Ich will auch von dem Wipfel des hohen Zedernbaumes nehmen und oben auf seinen Zweigen ein zartes Reis brechen und will's auf einen hohen, erhabenen Berg pflanzen; auf den hohen Berg Israels will ich's pflanzen, daß es Zweige gewinne und Früchte bringe und ein herrlicher Zedernbaum werde, also daß allerlei Vögel unter ihm wohnen und allerlei Fliegendes unter dem Schatten seiner Zweige bleiben möge.“ (Hesekiel 17,22–23). Das erinnert an den großen Baum aus Daniel 4. So ein Baum ist ein Bild für ein Königtum. Das Königtum Davids schien abgeschnitten, doch Gott will ein zartes Reis neu pflanzen, auf einem hohen Berg. Das Reich Gottes zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel.
Die deutlichste Parallele aber steht in Hesekiel 40: „Im fünfundzwanzigsten Jahr unserer Gefangenschaft, im Anfang des Jahres, am zehnten Tage des Monats, im vierzehnten Jahr, nachdem die Stadt geschlagen war, eben an diesem Tage kam des HERRN Hand über mich und führte mich dahin. Durch göttliche Gesichte führte er mich ins Land Israel und stellte mich auf einen hohen Berg, darauf war's wie eine gebaute Stadt gegen Mittag.“ (Hesekiel 40,1–2). Hesekiel wird durch göttliche Gesichte, also durch den Geist, auf einen sehr hohen Berg gebracht und sieht dort eine Stadt, Jerusalem, wie sie hätte gebaut werden sollen. In den letzten Kapiteln seines Buches beschreibt er sogar das Wasser, das vom Heiligtum ausgeht und alles gesund macht, eine enge Parallele zum Wasser des Lebens in Offenbarung 22. Und was steht unmittelbar davor, in Hesekiel 38 und 39? Die Schlacht von Gog und Magog. Genau so ist es in der Offenbarung: „und wird ausgehen, zu verführen die Heiden an den vier Enden der Erde, den Gog und Magog, sie zu versammeln zum Streit, welcher Zahl ist wie der Sand am Meer. Und sie zogen herauf auf die Breite der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel Feuer von Gott aus dem Himmel und verzehrte sie.“ (Offenbarung 20,8–9). Nach der Schlacht von Gog und Magog steigt Hesekiel auf den Berg und sieht die Stadt; nach der Schlacht von Gog und Magog wird Johannes auf den Berg geführt und sieht das neue Jerusalem.
Die Ähnlichkeiten gehen noch weiter. Hesekiel beginnt in der Verbannung mit einer Vision von der Herrlichkeit Gottes; die Offenbarung beginnt mit Johannes in der Verbannung, der den Menschensohn sieht. In der Mitte Hesekiels, in Kapitel 28, steht der Fall Satans; in der Mitte der Offenbarung, in Kapitel 12, ebenfalls. Bei Hesekiel gibt es in den Kapiteln 8 und 9 eine Versiegelung, in der Offenbarung in Kapitel 7. Die Offenbarung ist in ihrem Grundaufbau eng an Hesekiel angelehnt. Wenn wir die weiteren Verse über das neue Jerusalem betrachten, lohnt es sich darum, Hesekiel immer mit im Blick zu haben.
Selbst das Datum in Hesekiel 40,1 ist bemerkenswert: „im Anfang des Jahres, am zehnten Tage des Monats“, also am zehnten Tag des ersten Monats, des Monats Nisan. Was geschah an diesem Tag? „Sagt der ganzen Gemeinde Israel und sprecht: Am zehnten Tage dieses Monats nehme ein jeglicher ein Lamm, wo ein Hausvater ist, je ein Lamm zu einem Haus.“ (2. Mose 12,3). Am zehnten Tag wurde das Passalamm ausgewählt, weil etwas Neues begann. Nach all der Zerstörung und der letzten Schlacht sieht Hesekiel ausgerechnet an diesem Tag das neue Jerusalem.
Und noch ein letzter Gedanke. Kennen wir jemanden, der auf einen sehr hohen Berg geführt wurde, um Reiche zu sehen? „Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich weg von mir Satan! denn es steht geschrieben: 'Du sollst anbeten Gott, deinen HERRN, und ihm allein dienen.'“ (Matthäus 4,8–10). Der Teufel zeigte Jesus die Reiche dieser Welt, die alle vergehen werden, und wollte dafür angebetet werden. Jetzt führt Jesus den Johannes auf einen hohen Berg und zeigt ihm nicht die vergänglichen Reiche, sondern das ewige Reich. Hinein kommt man nicht, indem man Satan anbetet, sondern indem man Gott anbetet. Auch auf dem Berg der Verklärung durften die Jünger Jesus in seiner Herrlichkeit sehen: „Und nach sechs Tagen nahm Jesus zu sich Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, und führte sie beiseits auf einen hohen Berg. Und er ward verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie ein Licht.“ (Matthäus 17,1–2).
Was bedeutet das für uns? Satan bietet uns Dinge an, die alle wieder verschwinden werden; Jesus bietet uns, was ewig bleibt. Wenn wir uns daran erinnern, fällt es uns leichter, jeden Tag neu auf Jesus zu schauen. Wollen wir auch, geistlich gesprochen, auf diesem hohen Berg stehen? Wenn wir mit dem Evangelium leben, es in die Welt hinaustragen und auf das ewige Reich Gottes warten, dann dürfen wir schon jetzt etwas von der zukünftigen Herrlichkeit sehen. Bitten wir Gott, dass er unseren Blick auf das Unsichtbare richtet und uns jeden Tag neu mit seinem Heiligen Geist erfüllt.
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