Offenbarung 21,9

Offenbarung 21,9 Und es kam zu mir einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen voll der letzten sieben Plagen hatten, und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir das Weib zeigen, die Braut des Lammes. Mit diesem Vers beginnt die letzte große Vision der Offenbarung, und wohl die schönste von allen: die Vision von der neuen Erde und vom neuen Jerusalem. Doch der Anfang überrascht. Wir haben gerade die tausend Jahre und das Feuer danach betrachtet, die Gottlosen sind für immer vergangen, und nun, wo es um die herrliche Stadt geht, tritt ausgerechnet einer der Engel auf, die die sieben Schalen mit den letzten sieben Plagen hatten. An Engeln herrscht im Himmel kein Mangel. Die Frage, die wir uns hier stellen müssen: Warum zeigt gerade ein Plagenengel dem Johannes die Braut des Lammes?
Ein erster Gedanke liegt nahe: Das neue Jerusalem kommt erst nach den Plagen, nach der Wiederkunft, nach den tausend Jahren und nach dem Feuer. Wenn wir aber zurückblättern, entdecken wir mehr. Die sieben Engel begegnen uns zum ersten Mal in Offenbarung 15. Schon dort, gleich am Anfang der schweren Plagenvision, wird der Blick auf die Erlösten gerichtet: „Und ich sah ein anderes Zeichen im Himmel, das war groß und wundersam: sieben Engel, die hatten die letzten sieben Plagen; denn mit denselben ist vollendet der Zorn Gottes. Und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemengt; und die den Sieg behalten hatten an dem Tier und seinem Bild und seinem Malzeichen und seines Namens Zahl, standen an dem gläsernen Meer und hatten Harfen Gottes und sangen das Lied Mose's, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes und sprachen: Groß und wundersam sind deine Werke, HERR, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Heiden!“ (Offenbarung 15,1–3). Noch bevor die Schalen ausgegossen werden, darf Johannes sehen: Alle, die Gott treu bleiben, werden das überstehen und am Ende bei ihm sein. Das gute Ende wird gleich zu Beginn gezeigt.
Nach den Plagen in Kapitel 16 kommt noch ein zweites Mal einer dieser Engel zu Johannes: „Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen hatten, redete mit mir und sprach zu mir: Komm, ich will dir zeigen das Urteil der großen Hure, die da an vielen Wassern sitzt …“ (Offenbarung 17,1). Legen wir diesen Vers neben Offenbarung 21,9, sehen wir eine auffällige Parallele. In beiden Fällen ist es einer von den Engeln mit den sieben Schalen, in beiden Fällen redet er mit Johannes, und beide Male sagt er: „Komm, ich will dir zeigen.“ Das sind die einzigen beiden Stellen der Bibel, an denen das so gesagt wird. Und es geht weiter: „Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbenen Tier, das war voll Namen der Lästerung und hatte sieben Häupter und zehn Hörner.“ (Offenbarung 17,3). Dagegen heißt es jetzt: „Und er führte mich hin im Geist auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die große Stadt, das heilige Jerusalem, herniederfahren aus dem Himmel von Gott …“ (Offenbarung 21,10). Einmal führt der Engel Johannes im Geist in die Wüste, das andere Mal auf einen großen und hohen Berg. Einmal sieht er eine Frau, die Hure, das andere Mal eine Frau, die Braut.
Oft stellen wir die unreine Frau aus Offenbarung 17 der reinen Frau aus Offenbarung 12 gegenüber, und das ist nicht falsch. Doch der eigentliche Gegensatz, den die Offenbarung selbst aufbaut, ist der zwischen der Hure in Kapitel 17 und der Braut in Kapitel 21. Damit wird der Aufbau des ganzen Schlusses deutlich: Nach den sieben Plagen teilt sich die Offenbarung in zwei große Teile. Von Kapitel 17 bis Kapitel 21,8 geht es vor allem um das Gericht über die Hure und die Vernichtung der Gottlosen. Ab Kapitel 21,9 zeigt Gott das Gegenstück, die Braut. Die Verse über das neue Jerusalem sind also kein schönes, blumiges Anhängsel, das wir schnell überfliegen dürfen. Sie sind das Gegengewicht zu den gewaltigen Kapiteln über Babylon. Haben wir sie bisher genauso gründlich gelesen wie die Kapitel über das Tier und Babylon?
Die Hure heißt Babylon, die Braut ist Jerusalem. Diese beiden Städte stehen schon im Alten Testament für zwei Reiche: Jerusalem, die Stadt Davids, für das Reich Gottes, Babylon seit dem Turmbau für die Rebellion gegen Gott. Wie eng beides zusammengehört, zeigt der erste Vers des Buches Daniel: „Im dritten Jahr des Reiches Jojakims, des Königs in Juda, kam Nebukadnezar, der König zu Babel, vor Jerusalem und belagerte es.“ (Daniel 1,1). Wer den Hintergrund kennt, merkt: Hier wird nicht nur Geschichte erzählt, hier beginnt der große Kampf zwischen Babylon und Jerusalem, der sich durch die Propheten zieht. In der Offenbarung geht es allerdings nicht mehr um die Ruinen im heutigen Irak. Babylon wird dort Hure und große Stadt genannt. Eine Frau steht in der Bibel für eine Gemeinde; Babylon ist also eine abgefallene Kirche. Und als Stadt steht in der Endzeit Rom stellvertretend für den Abfall, so wie damals das alte Babylon die Rebellion gegen Gott verkörperte.
Genauso ist es auf der anderen Seite. Jerusalem ist die reine Gemeinde, und es gibt auch eine Stadt, die für sie steht: das neue Jerusalem, eine wirkliche Stadt. Manche fragen: Ist die Braut des Lammes nun die Stadt oder die Gemeinde? Das wäre so, als würde man fragen, ob Babylon in der Offenbarung die Stadt Rom oder die abgefallene Kirche ist. Beides gehört zusammen. Bemerkenswert ist, dass der Engel nicht nur von der Braut spricht, sondern von dem Weib, der Braut des Lammes. Die Braut kennen wir schon aus Offenbarung 21,2: „Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Mann.“ (Offenbarung 21,2). Das Weib des Lammes aber begegnet uns in Offenbarung 19: „Lasset uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben! denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und sein Weib hat sich bereitet. Und es ward ihr gegeben, sich anzutun mit reiner und schöner Leinwand. (Die köstliche Leinwand aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.)“ (Offenbarung 19,7–8). Die reine Leinwand ist die Gerechtigkeit der Heiligen, die Gerechtigkeit Jesu, die den Gläubigen geschenkt wird, sodass sie selbst gerecht handeln. Gerechte Taten tun aber nicht Mauern und Straßen, sondern Menschen. Die Braut kann beides meinen, die Stadt und die Gemeinde; das Weib ist die reine Gemeinde.
Was will Gott uns also in den letzten Kapiteln zeigen? Will er nur beweisen, was für ein großartiger Baumeister er ist, und uns die Straßenpläne vorlegen? Der Blick liegt nicht auf den goldenen Straßen, den Edelsteinen und den Perlen, sondern auf den Menschen, die in der Stadt wohnen. Wir lesen: „Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen. Und ihre Tore werden nicht verschlossen des Tages; denn da wird keine Nacht sein. Und man wird die Herrlichkeit und die Ehre der Heiden in sie bringen. Und es wird nicht hineingehen irgend ein Gemeines und das da Greuel tut und Lüge, sondern die geschrieben sind in dem Lebensbuch des Lammes.“ (Offenbarung 21,24–27). Und weiter: „Und es wird kein Verbanntes mehr sein. Und der Stuhl Gottes und des Lammes wird darin sein; und seine Knechte werden ihm dienen und sehen sein Angesicht; und sein Name wird an ihren Stirnen sein.“ (Offenbarung 22,3–4). Bei aller Beschreibung der Mauern und Maße geht es um die Erlösten aus allen Völkern. Offenbarung 21 und 22 führen damit fort, was in Offenbarung 12 über die reine Frau begonnen wurde, so wie Offenbarung 17 das fortführt, was in Offenbarung 13 begonnen wurde.
Das führt uns zu einer Frage, die tiefer geht: Warum stellt Gott seine Gemeinde überhaupt als Frau dar? Er hätte viele andere Bilder wählen können. Eine Frau bringt Kinder zur Welt, und so sagt Paulus: „Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; die ist unser aller Mutter.“ (Galater 4,26). Die Gemeinde ist fruchtbar, immer wieder werden Menschen neu geboren. Doch um wirklich zu verstehen, was eine Frau ist, müssen wir an den Anfang zurückgehen, in 1. Mose 2. Was dort über Mann und Frau geschrieben steht, soll uns etwas über Jesus und seine Gemeinde sagen. Als Adam die Frau sieht, ruft er: „Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm seiner Rippen eine und schloß die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der HERR baute ein Weib aus der Rippe, die er vom Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin heißen, darum daß sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein ein Fleisch.“ (1. Mose 2,21–24). Unter all den Tieren hatte er kein Gegenüber gefunden, und nun endlich eines, das ihm gleich ist. Paulus deutet genau diese Worte auf Christus: „Denn wir sind die Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein. Um deswillen wird ein Mensch verlassen Vater und Mutter und seinem Weibe anhangen, und werden die zwei ein Fleisch sein. Das Geheimnis ist groß; ich sage aber von Christo und der Gemeinde.“ (Epheser 5,30–32). Jesus wurde Mensch, unser Fleisch und Gebein, und zwar nicht nur für ein paar Jahre, sondern für immer.
Gott begründet die Erschaffung der Frau so: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ (1. Mose 2,18). Die Gemeinde hilft Jesus, vor allem in der Mission. Doch die erste Gemeinde, Adam und Eva, hatte schon eine Aufgabe, als es noch keine Sünde und noch kein Evangelium gab: „Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ (1. Mose 1,26). Sie sollten herrschen, wie Gott herrscht, und so wie sie mit den Tieren und der ganzen Schöpfung umgingen, sollte sichtbar werden, wie Gott mit dem ganzen Universum umgeht. Das Fundament seines Reiches ist die Liebe, ausgedrückt in seinem Gesetz. Als Satan Gottes Gesetz angriff, griff er Gottes Charakter und seine Herrschaft an. Darum hatte die Gemeinde von Anfang an die Aufgabe, das Wesen Gottes darzustellen, wie Paulus schreibt: „auf daß jetzt kund würde den Fürstentümern und Herrschaften in dem Himmel an der Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes …“ (Epheser 3,10). Und Jesus sagt: „Dabei wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt.“ (Johannes 13,35).
Auch im Weiteren ist die Schöpfung der Frau ein Bild für das, was Jesus getan hat. Der Mann soll Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen. Jesus hat den Himmel und den Thron verlassen und war sogar bereit, am Kreuz eine wirkliche Trennung vom Vater zu erleben: „Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46). So wollte er uns dort erreichen, wo wir sind, getrennt von Gott. Bei Adam ließ Gott einen tiefen Schlaf fallen, öffnete seine Seite und baute aus der Rippe die Frau. Jesus starb, und die Bibel nennt den Tod einen Schlaf. Dann wurde seine Seite geöffnet: „sondern der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus.“ (Johannes 19,34). Das Blut reinigt von der Sünde, das Wasser ist das Wasser des Lebens. Die Gemeinde besteht aus denen, die sich vom Blut Jesu haben reinigen lassen und das Wasser des Lebens angenommen haben.
Und doch ist all das nicht der tiefste Grund. Was war das Offensichtlichste, das Adam erlebte, als er eine Frau bekam? Er hatte jemanden, der ihn versteht und ihn zurückliebt. Gott muss seinen Charakter nicht beweisen, und er braucht die Gemeinde nicht, um die Welt zu erreichen. Der erste Grund, warum es die Gemeinde gibt, ist: Gott freut sich, wenn er aus freien Stücken zurückgeliebt wird. „denn der HERR, dein Gott, ist bei dir, ein starker Heiland; er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein und vergeben und wird über dir mit Schall fröhlich sein.“ (Zefanja 3,17). Liebe, die immer nur in eine Richtung fließt und nie zurückkommt, ist nicht dasselbe wie Liebe, die erwidert wird. Unsere Liebe kann nie so groß sein wie die unendliche Liebe Gottes, und doch bedeutet sie ihm so viel. Darum lautet das erste und größte Gebot: „Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist ein einiger HERR. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen.“ (5. Mose 6,4–5).
Die Gemeinde gibt es also zuerst, damit sich Menschen versammeln, die Gott von Herzen lieben. Denken wir an Henoch: „Und dieweil er ein göttliches Leben führte, nahm ihn Gott hinweg, und er ward nicht mehr gesehen.“ (1. Mose 5,24). Die Gemeinschaft mit Gott war für ihn keine Pflicht, sondern eine Freude, so wie man sich freut, einen geliebten Menschen wiederzusehen. Wo diese Liebe zu Gott und untereinander lebt, da erfüllt die Gemeinde auch ihre anderen Aufgaben: Sie trägt die Mission weiter und spiegelt den Charakter Gottes wider. Am Ende wird Gott durch seine Braut vor dem ganzen Universum zeigen, dass Satans Anklage falsch ist und dass Menschen sein Gesetz halten können. Nicht Menschen, die sich aus Pflicht anstrengen, weil es ihnen befohlen wurde, sondern Menschen, die Gott so sehr lieben, dass sie ihm nicht wehtun wollen, und die darum im Glauben an ihn seine Gebote halten.
Was bedeutet das für uns? Ist unser Glaube eher eine Pflicht, oder freuen wir uns auf die Zeit mit Gott, so wie Henoch? Wollen wir Gott heute bitten, dass er seine Liebe jeden Tag neu in unser Herz gießt und dass wir uns die Zeit nehmen, ihn so gut kennenzulernen, dass wir ihn von Herzen lieben? Dann gehören wir zu der Braut, die der Engel Johannes zeigen wollte.
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