Offenbarung 21,6 (Teil 2)

Jesus sitzt am Brunnen und spricht mit der Frau aus Samarien (Duccio, um 1310) – Offenbarung 21,6

Offenbarung 21,6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst. Den ersten Teil dieses Verses, „Es ist geschehen“ und „Ich bin das A und das O“, haben wir in Offenbarung 21,6 (Teil 1) betrachtet. Nun bleibt der zweite Satz: „Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.“ In diesem einen Satz steckt das ganze Evangelium. Gott will etwas geben. Wem? Den Durstigen. Was? Wasser aus dem Brunnen des lebendigen Wassers. Und wie? Umsonst. Die erste Frage, die wir uns hier stellen müssen: Was ist dieses lebendige Wasser?

Zuerst ist es etwas ganz Reales. Johannes sieht „einen lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall; der ging aus von dem Stuhl Gottes und des Lammes“ (Offenbarung 22,1). Das ist nicht nur ein Bild, sondern ein echter Fluss, der seinen Ursprung im Thron Gottes hat. Auch von den Erlösten heißt es: „das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen“ (Offenbarung 7,17). An beiden Seiten dieses Stroms steht der Baum des Lebens, der jeden Monat Früchte trägt (Offenbarung 22,2). Auch er ist ein wirklicher Baum mit wirklichen Früchten, und doch lehrt er uns etwas: ewiges Leben und ständige Abhängigkeit von Gott, denn man muss immer wieder von ihm essen. Genauso ist es mit dem Wasser des Lebens. Es ist real, und zugleich sind mit ihm wichtige geistliche Lektionen verbunden.

Schon David wusste: „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens“ (Psalm 36,10). Eine Quelle ist der Ursprung, von dort kommt alles her. Und Jesaja sagt: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen“ (Jesaja 12,3). Der Brunnen ist hier ein Bild für das Heil, für die Rettung, für das Evangelium. Eine Quelle muss man nicht pumpen, das Wasser sprudelt von selbst hervor. Kann der Mensch durch sein Schöpfen das Wasser erzeugen? Nein. Und wenn er nicht schöpft, fließt es trotzdem weiter, nur hat er nichts davon. So sehen wir in diesem unscheinbaren Vers das ganze Evangelium: Gott gibt die Rettung, die Kraft, die Vergebung; sie ist schon da und sprudelt hervor. Unsere Aufgabe ist es, zu schöpfen. Unsere Rettung wird nicht aus dem zusammengesetzt, was Gott tut, und dem, was wir tun. Wir können durch unser Schöpfen nicht mehr Liebe Gottes und nicht mehr Gnade erzeugen; sie ist längst da. Wenn wir sie nicht nutzen, fließt sie ungenutzt an uns vorbei.

Und wie sollen wir schöpfen? Mit Freuden. Stellen wir uns vor, wir irren durch eine Wüste, die Zunge klebt am Gaumen, wir sind schon ganz schwach, und plötzlich finden wir eine Quelle. Niemand würde da seufzen: „Ach, jetzt muss ich auch noch schöpfen.“ Wir würden uns freuen und trinken. So sollte es auch mit dem Evangelium sein. Leider begegnet man beim Glauben oft einer gewissen Verbissenheit: Man strengt sich an, um irgendwie würdig zu sein. Davon steht hier nichts. Im Vers davor heißt es: „Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil“ (Jesaja 12,2). Wer so spricht, vertraut Gott, und Vertrauen ist ein anderes Wort für Glauben. Das Schöpfen ist also der Schritt des Glaubens. Schöpfen wir mit Freude, oder ist unser Glaube eher Pflicht und Anstrengung?

Gott will nicht, dass sein Evangelium ungenutzt vorbeifließt. Darum ruft er: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommet her zum Wasser! und die ihr nicht Geld habt, kommet her, kaufet und esset; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides, Wein und Milch!“ (Jesaja 55,1). „Wohlan“ ist ein Aufruf zum Handeln. Welche Bedingung müssen wir erfüllen? Nur eine: Durst haben. Nur wer weiß, dass ihm etwas fehlt, wird das Evangelium schätzen. Nur wer weiß, dass er Schuld hat, wird es schätzen, dass Jesus ihm die Schuld nimmt. Geld brauchen wir keines, es ist umsonst. Offenbarung 21,6 ist die Erfüllung dieser Einladung.

Jesaja nennt zwei Schritte: kommen und kaufen. Wie kommen wir zum Wasser? „Neiget eure Ohren her und kommet her zu mir, höret, so wird eure Seele leben“ (Jesaja 55,3). Wir kommen, indem wir auf Gottes Wort hören, so wie es am Anfang der Offenbarung heißt: „Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung“ (Offenbarung 1,3). Wer nur dasitzt und sich nicht dafür interessiert, an dem fließt das Wasser des Lebens vorbei. Und was ist das Kaufen? Wenn wir in ein Geschäft gehen, schauen wir uns zuerst an, was es gibt. Dann müssen wir uns entscheiden: Das will ich haben. Man kann das Evangelium hören, sogar sehr interessiert, ohne sich jemals zu entscheiden. Ellen G. White schreibt: „Der Wunsch nach Güte und Heiligkeit ist recht, soweit er reicht; aber wenn ihr dabei stehen bleibt, wird er nichts nützen. Viele werden verloren gehen, während sie hoffen und wünschen, Christen zu sein. Sie kommen nicht so weit, ihren Willen Gott zu übergeben. Sie entscheiden sich nicht jetzt, Christen zu sein.“ SC 47.2 (Ellen G. White, Steps to Christ, dt. „Der Weg zu Christus“, Kapitel „Weihe“, S. 47). Es reicht nicht, zum Wasser zu kommen und zu bewundern, wie es glitzert. Wir müssen uns entscheiden: Dieses Wasser will ich haben, umsonst.

Was Gott uns schenken will, nennt er „einen ewigen Bund“ (Jesaja 55,3). Das ist der neue Bund: Vergebung der Sünden, eine innige Beziehung zu Gott und sein Gesetz in unserem Herzen. Gehorsam aus Liebe ist der einzige echte Gehorsam. Und wonach dürsten wir eigentlich? Direkt vor Jesaja 55 heißt es: „Einer jeglichen Waffe, die wider dich zubereitet wird, soll es nicht gelingen; und alle Zunge, so sich wider dich setzt, sollst du im Gericht verdammen. Das ist das Erbe der Knechte des HERRN und ihre Gerechtigkeit von mir, spricht der HERR“ (Jesaja 54,17). Es geht um die Gerechtigkeit, die von Gott kommt, die uns im Gericht bestehen lässt. Jesus sagt: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Matthäus 5,6). Das Wort für „satt werden“ meint ein richtiges Mästen. Gott gibt uns nicht nur ein bisschen Gerechtigkeit, sondern mehr, als wir fassen können. Er hat mehr als genug davon.

Durch Jeremia klagt Gott: „Denn mein Volk tut eine zwiefache Sünde: mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich hier und da ausgehauene Brunnen, die doch löcherig sind und kein Wasser geben“ (Jeremia 2,13). Hier sehen wir: Gott selbst ist die Quelle. Darum kommt der Strom aus seinem Thron, und wenn Jesus die Erlösten zu den lebendigen Wasserbrunnen führt, führt er sie zum Vater. Gott bindet niemanden fest; man kann die Quelle verlassen. Aber eine Zisterne ist keine Quelle. Sie sammelt nur Wasser von anderswo, und diese hier hält es nicht einmal. Wir alle sind durstig nach Gerechtigkeit, nach Liebe, nach Frieden und Harmonie im Herzen. Wir können versuchen, diesen Durst aus löchrigen Zisternen zu stillen, oder wir kommen zu Gott, bei dem alles frisch hervorsprudelt. Eine Quelle hat keine Öffnungszeiten. Morgens, mittags, abends, an jedem Tag der Woche: Bei Gott ist das Evangelium immer frisch. Er wünscht sich, dass auch wir frische Erfahrungen mit ihm machen und nicht von dem leben, was vor Jahren einmal war.

Die Propheten beschreiben diese Quelle auch im Bild des Tempels: „…und wird eine Quelle vom Hause des HERRN herausgehen, die wird das Tal Sittim wässern“ (Joel 4,18). In Hesekiel 47 fließt Wasser unter der Schwelle des Tempels hervor. Zuerst geht es nur bis an die Knöchel, dann bis an die Knie, dann bis an die Lenden, und schließlich ist es so tief, dass man schwimmen muss (Hesekiel 47,3–5). So ist es mit dem Evangelium: Je mehr wir uns damit beschäftigen und je näher wir Gott durch Jesus kommen, desto tiefer wird es. Jeden Tag können wir Neues lernen; es gibt keine Grenze.

Am Jakobsbrunnen begegnet Jesus einer Frau, die Wasser schöpfen will. Ihr eigentlicher Durst aber ist ein anderer: Sie dürstet nach Liebe. Sie hat sie bei einem Mann nach dem anderen gesucht und ist jedes Mal enttäuscht worden, an löchrigen Zisternen. Sünde ist letztlich, wenn wir ein Bedürfnis, das an sich nicht verkehrt ist, anderswo stillen als bei Gott, gegen seinen Willen. So war es schon bei Eva am Baum der Erkenntnis. Nun steht diese Frau vor dem, der die Liebe selbst ist. Eigentlich steht sie vor zwei Brunnen. Jesus sagt: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!‘, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser“ (Johannes 4,10). Und weiter: „…wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ (Johannes 4,14). Wer gibt dieses Wasser? Jesus. Und wer nennt sich in Jeremia 2,13 „die lebendige Quelle“? Gott. Jesus ist also Gott.

Bei dieser Frau wurde das Wasser sofort zu einer Quelle. Als die Liebe Gottes in ihr Herz kam, begann es zu sprudeln: Sie erzählte von Jesus und brachte eine ganze Stadt zu ihm. Wie sieht es bei uns aus? Wenn unser Christenleben eher abgestandenem Wasser gleicht, wir wissen, was wir glauben, und tun, was wir tun, aber nichts bewegt sich mehr, dann fehlt uns vielleicht gerade die direkte Verbindung zur Quelle. Jesus ruft: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen“ (Johannes 7,37–38). Und Johannes erklärt: „Das sagte er aber von dem Geist“ (Johannes 7,39). Der Vater ist die Quelle, Jesus gibt das lebendige Wasser, und das Wasser steht für den Heiligen Geist. Alle drei Personen der Gottheit sind mit dem Wasser des Lebens verbunden. Darum ist es so wichtig, jeden Tag die Verbindung mit Gott zu suchen und bei ihm zu bleiben, denn dort ist die Quelle.

Und das alles bekommen wir umsonst. Über das abtrünnige Israel sagt Gott: „So will ich ihr Abtreten wieder heilen; gerne will ich sie lieben; denn mein Zorn soll sich von ihnen wenden“ (Hosea 14,5). Gott muss nicht erst überzeugt werden, uns zu lieben. Das hat die Frau am Jakobsbrunnen so tief berührt: Jesus wusste alles von ihr und war trotzdem freundlich und liebevoll zu ihr. Gott kennt jede unserer Sünden, jedes falsche Motiv, auch das, was wir selbst nicht wissen, und er hat uns trotzdem gern. Darum ist es grundfalsch zu meinen, wir müssten uns erst bessern, bevor wir zu Gott kommen dürfen. Wir „werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist“ (Römer 3,24). Gott vergibt uns nicht, weil wir gekommen sind, sondern weil er uns vergeben will. Weil das Wasser sowieso fließt, dürfen wir es in Anspruch nehmen.

„…welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Römer 8,32). Alles ist Geschenk: die Buße, die Erkenntnis, die Vergebung, die Heiligung, der Gehorsam, die Freude, die Gaben und am Ende die Vollendung. Gott sucht Menschen, die demütig genug sind zu sagen: „Aus eigener Kraft kann ich es nicht; ich lasse mir alles schenken.“ Das ist das Evangelium, und das sagt Gott der Vater auf seinem Thron, wenn er spricht: „Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.“ Sind wir an der Quelle des Lebens? Sprudelt es in unserem Herzen, oder gleicht unser Glaube einer Zisterne, aus der das Wasser abfließt, aber nichts Neues hineinkommt? Lasst uns heute hinhören und uns entscheiden, zum Wasser kommen und kaufen, so wie wir sind. Dann wird es in unserem Herzen quellen.

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